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Man Verliert Die Lust Am Leben

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Geislinger Zeitung

Autor: CLAUDIA BURST - 12.05.2010

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Man verliert die Lust am Leben!

Eine langwierige Krankheit - und nach der Genesung den Arbeitsplatz verloren:
Eine 54-jährige Frau aus Geislingen ist am Ende ihrer Kraft. Es graut ihr vor Hartz IV, in das sie ab Juli fällt.


Einziger Trost: Das Dienstagsfrühstück der Volksmission,
wo sie nicht nur gratis Lebensmittel erhalte (die für die Woche reichten),
sondern auch psychische Hilfe durch liebevolle Gespräche.



Geislingen. "Diese Blamage!" - mehr als dies vermag die 54-jährige Frau aus Geislingen kaum zu sagen. Sie wischt sich Tränen aus den Augen und versteht die Welt nicht mehr: "Da hab ich ein Leben lang geschafft - und jetzt muss ich Hartz IV in Anspruch nehmen."

Vor sechs Jahren war ihr Ehemann, Inhaber eines eigenen Geschäfts, unerwartet verstorben. Aus der Selbstständigkeit blieben viele Schulden, sodass der Witwe nichts anderes übrig blieb, als Privatinsolvenz anzumelden und in eine kleine Wohnung umzuziehen. Zuvor hatte sie jahrelang ihrem Mann im Betrieb geholfen; nach seinem Tod suchte die gelernte Friseurin eine Teilzeitarbeit im Verkauf. Zunächst schien auch alles glatt zu laufen: "Ich kam ganz gut über die Runden", erzählt die Frau, die auf ein gepflegtes Erscheinungsbild Wert legt. Zum Lohn in Höhe von 700 Euro bekam sie 260 Euro Witwenrente; davon gingen für Miete und Strom 325 Euro ab. Weitere Nebenkosten (Wasser, Heizung) schmälerten den Etat zusätzlich.

Im August 2008 kam noch weitaus Schlimmeres auf die Frau zu: Sie wurde schwer krank, musste sich innerhalb von fünf Tagen dreier Operationen unterziehen und fiel ins Koma. Es dauerte ein halbes Jahr, ehe ihr die Ärzte wieder eine Arbeitsaufnahme erlaubten. Voraussetzung war Teilzeit.

Zwischenzeitlich jedoch hatte der Betrieb, bei dem sie vor ihrer Krankheit beschäftigt war, den Besitzer gewechselt. Statt der bisher 23 Stunden durfte sie nur noch 16 Stunden pro Woche arbeiten. Und weil auch der Stundenlohn gekürzt wurde, schrumpfte das Einkommen weiter.

Ohne erkennbaren Grund, so beklagt sie, sei auch das Verhältnis zu den Kolleginnen schlechter geworden. Sie habe zudem keine Einweisung in die Funktion einer neuen Kasse erhalten und sei nicht über die Inhaltsstoffe der im Ladengeschäft angebotenen Waren informiert worden - mit der Folge, dass sie der Kundschaft keine qualifizierte Auskunft habe mehr geben können. Nach sechs Wochen dann die Kündigung. Lapidare Begründung: Sie sei "zu langsam."

"Ich war mit den Nerven fertig", erinnert sie sich. Ihr erster Gang führte sie zur Agentur für Arbeit. Dort habe man ihr unumwunden empfohlen, Frührente zu beantragen. Bei der Rentenversicherung allerdings wurde sie mit der ernüchternden Realität konfrontiert: "So lange sie noch den Kopf auf der Schulter" trage und mindestens zwei Stunden am Tag arbeiten könne, so die Äußerung eines Mitarbeiters, habe sie "keine Chance auf Rente."

Also zurück zur Agentur für Arbeit. Dort allerdings habe man ihr "nicht wirklich Hoffnung auf neue Arbeit" machen können. Seit April vorigen Jahres bezieht sie nun Arbeitslosengeld I - gerade noch 474 Euro im Monat plus ihre Witwenrente. "Das reicht hinten und vorne nicht", klagt die Frau. Auf Wohngeld kann sie dennoch nicht hoffen, weil das spärliche Einkommen dafür wiederum zu hoch sei.

Während des ganzen Jahres bekam sie nur ein einziges Job-Angebot von der Arbeitsagentur - und das war völlig daneben: Es ging um eine Vollzeitstelle als Lagerarbeiterin (über eine Zeitarbeitsfirma) - was sie angesichts ihres gesundheitlichen Zustands niemals hätte sein können.

Sie selbst fand schließlich nach einer Vielzahl von Bewerbungen eine Arbeit auf 400-Euro-Basis, ursprünglich auf ein halbes Jahr befristet, dann aber sogar auf Dauer. Für die Frau war dies eine Bestätigung ihrer Arbeit.

Allerdings darf sie zum spärlichen Arbeitslosengeld nur 165 Euro dazu verdienen. Um den darüber liegenden Betrag wird das Arbeitslosengeld gekürzt. Fatale Folgen für die Frau: Alle Versicherungen ("Riesterrente" und Lebensversicherungen) sind stillgelegt. Auch sonst ist eisernes Sparen angesagt: Kein Festnetztelefon mehr, keinen Computer. Ihr kleines Auto benutzt sie nur noch sporadisch. Innerhalb der Stadt wird nach Möglichkeit alles zu Fuß erledigt.

Persönliche Kontakte leiden: "Geburtstage sind furchtbar, wenn man kein Geld für Geschenke hat." Ganz zu schweigen von Weihnachten.

Ihren ersten Lohn für den 400-Euro-Job, den sie Anfang November begonnen hat, habe sie erst Ende Dezember erhalten - und dies, obwohl die daraus resultierende Kürzung des Arbeitslosengeldes bereits Anfang Dezember wirksam geworden sei. "Ich konnte meinem Enkel nicht mal eine Kleinigkeit unter den Baum legen", sagt die Frau und kämpft wieder mit den Tränen.

Und jetzt, ab Mitte Mai, muss sie die Formularflut für Hartz IV ausfüllen - denn ab Juli hat sie keinen Anspruch mehr auf das Arbeitslosengeld I. Davor graut es ihr, zumal sie doch finanziell schon jetzt kaum über die Runden komme: "Wie soll das gehen?" Einziger Trost: Das Dienstagsfrühstück der Volksmission, wo sie nicht nur gratis Lebensmittel erhalte (die für die Woche reichten), sondern auch psychische Hilfe durch liebevolle Gespräche. "Wenn es meinen Enkel nicht gebe, der meinem Leben noch Sinn gibt, und diese lieben Leute hier . . ." - die 54-Jährige will nicht weitersprechen.

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